Samstag, 19. Dezember 2015

Kryptorchismus

Max Koch, Freilicht, Internationaler Kunstverlag M. Bauer & Co. in Leipzig, o. J. (1897), Tafel 66.
Lichtdruck, 15,6 × 21,1 cm, nach einer Originalfotografie, ohne Titel.
Bei der Publikation handelt es sich um ein heute sehr seltenes Mappenwerk mit Lichtdrucken von 100 Aktfotografien, die alle in der freien Natur aufgenommen wurden. 

Detail aus: Max Koch, Freilicht, Tafel 66.
Aus gegebenem Anlass, weil entsprechende Fotografien im Internet fehlen.

Montag, 24. August 2015

Prof. Eduard Uhlenhuth: Herzog Alfred von Coburg und Familie, Fotomontage, 1906

   Prof. Eduard Uhlenhuth, Herzog Alfred von Coburg und Familie, 1906. Fotomontage. (oben)
Abzug auf einer Echtfotopostkarte mit dem mehrsprachigen Aufdruck des Weltpostvereins (UPU). Die Postkarte ist leicht beschnitten auf 8,7 × 13,7 cm. Links unten im Foto weiß bezeichnet „Herzog Alfred v. Coburg u. Familie“, rechts unten im Foto schwarz signiert und datiert: „Prof. E. Uhlenhuth, Coburg 1906“. Beide Bezeichnungen befinden sich wohl im oder auf dem Negativ. Sammlung Heinz-Werner Lawo.
   Prof. Eduard Uhlenhuth, Herzog Alfred von Coburg und Familie, vor1900. (unten)
Daten und Verbleib des Fotos unbekannt. Originalabzug wahrscheinlich beim Royal Collection Trust.

   Die ursprüngliche Aufnahme (unten) von Eduard Uhlenhuth, dem Hoffotografen in Coburg, entstand in den späten 1890er Jahren vor dem Schloss Rosenau. Es zeigt Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha (mit Zylinder) mit seiner Ehefrau Marija Alexandrowna (vor ihm sitzend), seiner älteren Schwester Victoria (gen. Vicky, in Schwarz, Witwe von König Friedrich III. von Preußen) und seine vier Töchter Maria, Victoria, Alexandra und Beatrice (alle in Weiß). Bei der Aufnahme nicht anwesend war sein einzige Sohn Alfred Junior. Alfred Senior war der zweitälteste Sohn von Königin Victoria von England und als solcher, nach seinem älteren Bruder Edward, zunächst zweiter Anwärter auf den Thron von England und Alfred Junior war sein einziger Stammhalter und Erbe. Nach einer angeblichen, unstandesgemäßen Heirat und einem anschließenden Zerwürfnis mit seiner Mutter versuchte Alfred Junior sich mit einem Revolver zu erschießen. Er starb kurz danach an den Folgen des Suizidversuches im Februar 1899 im Alter von 24 Jahren. Ein Jahr später starb auch sein Vater.
   Uhlenhuth hat bei der Fotomontage von 1906 den ursprünglich fehlenden Alfred Junior in das alte Familienbildnis hinein montiert, zwischen Mutter und Tante, und vor den Tisch, auf den eine Schwester ihre Hand stützt. Uhlenhuth vervollständigte so posthum das Bildnis einer von ihm oft fotografierten Familie, von der zum Zeitpunkt der Montage nur noch die Frauen lebten. Da im November 1905 der neue Herzog Carl Eduard mit großem Pomp in Coburg eingezogen war, ist die Montage von 1906 deutlich retrospektiv gefertigt worden. Ein konkreter Anlass ist jedenfalls nicht zu erkennen.
   Vieleicht war es die Erinnerung eines alternden Fotografen, der bei der Durchsicht seiner Fotos der adligen Familie eine ungefüllte und bedauerliche Leerstelle, eben das Unausgefüllte der Geschichte entdeckte, die als Motivation für diese Montage den Ausschlag gab. Eine Gelegenheit, die sich Uhlenhuth nie geboten hatte, und die er nun durch die Montage zweier Fotos für sich zu einem Abschluss brachte. Die Montage selbst ist geschickt umgesetzt, wenngleich die Proportionen und der Lichteinfall nicht ganz stimmen. Interessant dagegen ist die Auswahl der hinein montierten Fotografie. Obwohl andere mit höfischer Repräsentanz zur Auswahl vorlagen, tritt Alfred Junior hier in ziviler, geradezu zwanglos legerer Kleidung auf. Offensichtlich hegte Uhlenhuth eine gewisse Sympathie für den unkonventionellen, gegen höfische Gepflogenheiten aufbegehrenden jungen Mann.
   Für die Fotomontage benutzte Uhlenhuth ein altes Negativ des Familienbildes. Der Abzug für die  Montage zeigt bis auf den oberen Rand wesentlich mehr davon. Das ältere offizielle Bild wurde also auf die Peronen beschnitten. Im Vergleich der beiden Fotos zeigt sich, dass offenbar auch das offizielle Foto selbst schon manipuliert wurde. Es ist in der Höhe gestreckt, wodurch alle, insbesondere die Frauen, schlanker und imposanter erscheinen.  

Mittwoch, 3. September 2014

Frank Coldewey, Attrappen, 2000


Frank Coldewey, Attrappen, 2000
Mischtechnik (Acryl auf Farbfotokopien) auf MDF-Platte, 55,5 x 40 cm
Webseite des Künstlers: http://frank-coldewey.de/

Samstag, 12. April 2014

John Marshall Harlan I (1833-1911)

Porträt von John Marshall Harlan
vor zwei Spiegeln, um 1893, bzw. vor 1957,
35,3 x 27,7 cm, kolorierte S/W-Fotografie,
retuschierte Reproduktion nach einer Ferrotypie, die in Shaw’s Spectretype Photographic Gallery in Atlantic City, NJ, um 1893 entstand.
Prov: Antiquitätenhandel, North Bergen, NJ; Nachlass Alan Furman Westin (1929-2013); Geschenk von John Marshall Harlan II (1899-1971), dem Enkel von Harlan I, an Alan Westin; Nachlass John Marshall Harlan I.Alan Westin veröffentlichte 1957 ein Buch über "John Marshall Harlan and the Constitutional Rights of Negroes: the Transformation of a Southerner". Im Zuge der Recherche zu dieser Veröffentlichung dürfte die Fotografie in den Besitz von Alan F. Westin gekommen sein.
Ein ähnlicher Abzug befindet sich in der Library of Congress, Prints and Photographs Division: "John M. Harlan, full-length portrait, seated with right side and back to mirrors, providing a 360 degree view". Dieser Abzug zeigt aber links und rechts deutlich weniger von der Vorlage. Die Library of Congress datiert ihren Papierabzug auf 1920-1960 und notiert: "Reproduction of a photograph taken between 1890 and 1910". Die Fotografie kam 1957 zusammen mit anderen Papieren aus dem Nachlass von Harlan I als Geschenk von Harlan II in den Besitz der Library of Congress. Die Vorlage für diese Reproduktionen ist eine Ferrotypie (tintype), die sich ebenfalls in der Library of Congress befindet: "Visual materials from the John Marshall Harlan papers (item 2010650988, folder PR 13 CN 1974:068)". Diese Ferrotypie wurde von Linda Przybyszewski für die Titelgestaltung ihres Buches "The Republic according to John Marshall Harlan", University of North Carolina Press, Chapel Hill 1999, benutzt.
Im Negativ für die Reproduktionen wurde der auffällige, stark gemusterte Teppichboden wegretuschiert, um eine neutrale und unauffällige Bodenfläche zu erhalten. Die beiden Papierabzüge - weitere bisher nicht bekannt - sind vom gleichen Negativ, denn links über dem Griff des Stocks ist jeweils eine identische weiße Fehlstelle, die sich im Negativ befinden muss und bei der Retusche wohl übersehen wurde. Die Reproduktion aus der Sammlung Lawo ist im oberen Bereich der Spiegelflächen lasierend blaugrau mit einer Spritztechnik eingefärbt. Rückseitig Leimspuren von einer alten Montierung und handschriftlich in Bleistift unter der Leimung die Bezeichnung "5389 / JRT Sch".

Dienstag, 22. Januar 2013

Jackson's Spectregraph Photo - Portrait eines unbekannten Jungen




Photograph: B. D. Jackson, 103 Monroe Street, Grand Rapids, Michigan, USA
Albuminabzug (6,1 x 15,7 cm) auf speziell angefertigte Karte aufgezogen (7,2 x 16,5), um 1895.
Auf der Rückseite der Karte gedruckt: "Jackson's Spectregraph Photos -  The Most Attractive Style of Portrait ever introduced. Five different pictures without changing the position. All made at one sitting."
Mit der Einführung dieser Portraits, die mit Hilfe von zwei Spiegeln gefertigt wurden, entstand bei den Photographen das Bedürfnis, dieser besonderen Form von Portraits einen eigenen Namen zu geben, da sie sich von allen vorhergehenden Formen deutlich unterschieden. Sie wurden als "Spectretype Photos", Spectregraph Photos" oder "Photo-Multigraphs" angeboten. Keine dieser Wortneuschöpfungen konnte sich jedoch duchsetzen.
Mehr dieser "Fünffach Porträts" oder "Five-Way Photos" hier: http://uneinsamkeiten.blogspot.de/

Samstag, 8. Dezember 2012

Carl Ferdinand Stelzner: Porträt Harro Harring, Hamburg 1848


Carl Ferdinand Stelzner: Porträt von Harro Harring, Hamburg 1848.
Daguerreotypie, in einem zeitgenössischen samtbezogenen Holzrahmen mit handgefertigtem Passepartout der Buchbinderei May aus Rendsburg.
Provenienz: Flohmark in Kiel; seit Anfang der 1970er Jahre im Besitz von Gerti Fietzek, Kiel/Berlin; seit 2009 Sammlung Heinz-Werner Lawo, Berlin; 2009 versteigert beim Auktionshaus Bassenge, Berlin; Sammlung Dietmar Siegert, München; seit 2014 im Münchner Stadtmuseum durch den Ankauf der Sammlung Dietmar Siegert.

Die Geschichte muss hier einfach mal erscheinen: Als Teenager kaufte Gerti Fietzek mit dem, ihr bis heute eigenen, sicheren Blick für Qualität auf einem Flohmarkt in Kiel "für 'ne Mark oder so" die hier vorgestellte Daguerreotypie. Es ging ihr nicht um das Alter der Fotografie. Weder der Fotograf noch der Dargestellte waren ihr oder dem Verkäufer bekannt und die Rahmung, ohne irgendeine Beschriftung, gab auch keinen Hinweis auf etwas Bedeutendes. 
Was Gerti Fietzek als Teenager an dieser Fotografie faszinierte, waren die schönen Hände des verwegen aussehenden Typs. Markante, kräftige Hände mit schlanken, gepflegten Fingern, die wohl fest zupacken könnten, hier aber sehr eitel und überdeutlich beringt, mit Messer und Pistole eher vorsichtig spielen. Die Linke hält das Heft des langen Messers nicht wirklich in der Hand. Daumen und Zeigefinger vergewissern sich nur, dass es für den Notfall da ist. Eine gewisse Ängstlichkeit oder Unbeholfenheit drückt diese Geste schon aus. Die mit dem Daumen im Gürtel eingehakte rechte Hand dagegen signalisiert: Ich bin bedeutend, ich bin attraktiv, ich habe viele Abenteuer erlebt und wehe dem, der das bezweifelt. Schon klar, dass sich die Fantasien einer jungen Frau daran entzünden können. Ihr Titel für das Bild war denn auch schnell gefunden: Der schöne Pirat. Damit wurde er zum Vorbild für Burt Lancaster in Der rote Korsar und Johnny Depp in Fluch der Karibik.
Jahrzehnte verbrachte Der schöne Pirat in Schubladen und wurde als Schatz gehütet, bis er dann in Form einer kompensierenden Liebesgabe auf mich kam, weil bestimmte Fotografien, entgegen meiner früheren Geringschätzung, doch zu einem zentralen Thema für mich geworden waren, während diese eine Fotografie, unter den vielen sich vermehrenden Büchern bei ihr, zum Solitär verkommen war.

Mit Daguerreotypien hatte ich mich noch nicht beschäftigt. Deshalb machte ich mich zunächst sachkundig, erfuhr von der besonderen Empfindlichkeit der Oberfläche für Berührungen und Umwelteinflüsse und dachte erst einmal nach. Zwei Aspekt waren zu bedenken: Ersten hatte sich die Daguerreotypie gelockert und saß nicht mehr fest im Rahmen. Zweitens war die Rückseite zwar noch original verklebt, aber es waren kleine Risse im Papier an den inneren Rahmenkanten entstanden. Die dauerhafte Sicherung der eingeschlossenen Daguerreotypie stand also gegen die Bewahrung der insgesamt vorgefundenen historischen Substanz. Ich entschied mich für eine Dokumentation der beschädigten Rückseite und öffnete sie dann vorsichtig am Rand der Rahmung.

Im Inneren fand ich dann die eigentliche Überraschung. Zum Schutz der am Passepartout verklebten Daguerreotypie vor dem Kontakt mit den kleinen Nägeln im Rahmen hatte man die ursprüngliche, rückseitige Pappe der ersten Einfassung als Abstandshalter verwendet. Darauf befand sich ein kleiner Aufkleber eines Herrn "May, Buchbinder in Rendsburg" und die Bleistiftbeschriftung "1848 Daguerreotypirt."
Wegen des Kieler Fundorts und der Erwähnung von Rendsburg  schloss ich auf einen norddeutschen Entstehungskontext und über das Revolutionsjahr 1848 auf einen Freiheitskämpfer wie Friedrich Hecker, der den Kalabreser-Hut als Symbol der revolutionären Bewegung etablierte. Es waren dann auch die Stichworte "1848, Freiheitskämpfer, Schleswig-Holstein", die mich über die Bildersucher bei Google zu einer kleinen Abbildung führten, die auf der Webseite der Harro Harring Gesellschaft gezeigt wird. Dabei handelte es sich um eine Radierung, die eindeutig nach der mir vorliegenden Daguerreotypie, oder einer ihr sehr ähnlichen zweiten Fotografie gefertigt wurde. Eine Anfrage beim Präsidenten der Harro Harring Gesellschaft, Herrn Prof. Dr. Ulrich Schulte-Wülwer, lieferte die entgültige Bestätigung. Der "schöne Pirat" war tatsächlich Harro Harring, der im März 1848 in Amerika von den revolutionären Bewegungen in Deutschland erfahren hatte und mit dem Wunsch, sich ihr anzuschließen, im Juni in Hamburg ankam. Herr Schulte-Wülwer bekundete als Direktor des Museumsberg Flensburg sofort sein Interesse an einem Ankauf der Daguerreotypie und schlug vor, zur Ermittlung des Kaufpreises ein kleines Gutachten seitens eines Auktionshauses in Berlin einzuholen. So kam ich in Kontakt mit Frau Jennifer Augustyniak und Herrn Elmar F. Heddergott vom Auktionshaus Bassenge. Dort wurde das Porträt von Harro Harring in einer Größenordnung taxiert, die sich weit jenseits der finanziellen Möglichkeiten der Harro Harring Gesellschaft befand. Herr Heddergott, als Experte für Fotografie des 19. Jahrhunderts, konnte die Fotografie sogar eindeutig dem Hamburger Daguerreotypisten Carl Ferdinand Stelzner zuschreiben

Obwohl sich der "schöne Pirat" damit als ein herausragendes Dokument der Zeit- und Fotografiegeschichte entpuppt hatte, blieb das öffentliche Interesse bei der Auktion beschränkt. Das Handelsblatt berichtete daher auch am 22.12.2009: "Symptomatisch ist der letztlich enttäuschende Zuspruch auf die von Bassenge in Berlin moderat getaxte Porträt-Daguerreotypie, die Carl Ferdinand Stelzner 1848 von dem bewaffneten Berufsrevolutionär und Literaten Harro Harring anfertigte. Dieses Motiv eines Kosmopoliten hätte allein schon aus historischen Gründen über Deutschland hinaus auf Interesse stoßen müssen. Tat es aber nicht, auch nicht bei den Museen. In Erscheinung trat einzig die nordfriesische Harring-Gesellschaft, die den literarischen Nachlass des hartgesottenen Schöngeistes verwaltet. Die aber machte dem am Ende siegreichen Münchener Privatsammler (mutmaßlich Dietmar Siegert) keine ernsthafte Konkurrenz; und so fiel für das monumental inszenierte Bildnis schon bei 19.000 Euro der Hammer (Taxe 15.000)."

Glücklicherweise ist Herr Siegert ein kundiger Sammler, der bereitwillig seine Schätze der Öffentlichkeit präsentiert. Harro Harring war schon in der Ausstellung La Bohème – Die Inszenierung des Künstlers in Fotografien des 19. und 20. Jahrhunderts im Kölner Museum Ludwig zu sehen, und zur Zeit befindet er sich zusammen mit anderen Beständen der Sammlung Siegert in der Ausstellung Deutschland in frühen Photographien 1840-1890 im Münchner Stadtmuseum.

Einen Scan der Daguerreotypie aus meiner fotografischen Dokumentation habe ich digital vorsichtig bearbeitet und weitgehend alle Fehlstellen, Staubkörner und Fussel retuschiert. Es ist ein Versuch, sich der ursprünglich vorhandene Bildinformation zu nähern und damit insgesamt eher eine Bildinterpretation als eine Dokumentation des aktuellen Zustands. Das Motiv erscheint dadurch in einer Klarheit, die das Original nicht bietet. Deshalb zeige ich es hier.
... und natürlich wegen der schönen Hände.


Carl Ferdinand Stelzner: Porträt Harro Harring (digital gereinigt)
    


Freitag, 7. Dezember 2012

Heinrich Holste - Der Schacht

Heinrich Holste: Der Schacht, 1924,
Linoleumschnitt 20,0 x 12,2 cm, Blatt 23,0 x 14,5 cm

Titelillustration der ersten Nummer (Blatt 1) der Zeitschift
DER SCHACHT, Blätter zur Einführung in die Vorträge
und für die Mitteilungen der Allgemeinen Volksbildungs-vereinigung "Feierabend", Werne - Bochum.
Leitung: Fritz Wortelkamp.

Heinrich Holste war der erste Bühnenmaler des Stadttheaters Bochum. Über ihn ist so gut wie nichts bekannt. Wer etwas über ihn oder die Volksbildungsvereinigung "Feierabend", die sich in der Gaststätte "Deutsche Flotte" am Hellweg in Bochum-Werne traf, weiß, möge sich bitte bei mir melden.
Ein kräftiges expressionistisches Blatt, das verblüfft, weil es 1924 in Bochum entstanden ist. In der Nähe zur Formensprache von Ernst Luwig Kirchner, oder auch beeinflusst durch die Bühnendekoration des Cabinet des Dr. Caligari von 1920, wird hier im oberen Abschnitt die durch Zechen und Kokereien geprägte Industrielandschaft des Ruhrgebiets dargestellt. Fabriken, eine Abraumhalde, rauchende Schornsteine, ein Förderrad in der Mitte und Kugel-Gasbehälter oder Kühltürme auf der rechten Seite bestimmen die oberirdische Szenerie. Darunter geht der Schacht in die Tiefe zur schwarzen Kohle. In diesem Schacht kauern die Wohnhäuser aus der Bergarbeitersiedlung. Der Schacht ist der Arbeitsort, der Lebensmittelpunkt und die Identität des Bergmanns, an den sich der Volksbildungsverein "Feierabend" mit seinem Kulturprogramm richtet.

Freitag, 12. Oktober 2012

Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop



Gestern eröffnete das Metropolitan Museum in New York die Ausstellung Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop, die von Mia Fineman kuratiert wurde. Anlässlich dieser Ausstellung präsentiere ich hier eine amerikanische 'Real Photo Postcard' aus der Zeit um 1915 aus meiner Sammlung, von der ich nicht genau sagen kann, ob es sich um eine sehr geschickte Doppelbelichtung oder um eine nachträgliche Fotomontage handelt. Nichts im Bild deutet auf eine der beiden Möglichkeiten hin. Das Foto zeigt jedenfalls keine Zwillinge, sondern zweimal das gleiche Mädchen, en face und im Halbprofil, und das Halbprofil ist auch kein Spiegelbild!
Wegen des großen Hutes erinnert mich diese Fotografie immer an das Maler-und-Modell-Porträt von Henri de Toulouse-Lautrec das Maurice Guibert um 1900 gefertigt hat, und das in der Ausstellung gezeigt wird.
Weiter Trickphotographien aus meiner Sammlung HIER.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Schnell-Photo von A. Wertheim - Soldat mit Zwirbelbart

Foto 48 x 32 mm
„Vor allem bei WERTHEIM Leipzigerstraße gab es nichts, was es nicht gab – mit allen Mitteln versuchte die Geschäfts- leitung, die Kunden zufrieden zu stellen, was sich auch auf das Angebot im „PHOTOGRAPHISCHEN ATELIER“ und auf die Abteilung mit Fotoartikeln auswirkte. Obwohl auch HERMANN TIETZ versuchte, eine ähnliche Geschäftsidee zu entwickeln, konnten andere Warenhäuser mit dem Konkurrenten Wertheim kaum mithalten. Neben den gebräuchlichen Formaten in verschiedenen Ausführungen stellte das Atelier Wertheim u.a. kleine Schnellfotografien für Ausweise und Erinnerungspostkarten her, daneben Drucke verschiedenster Art und Fotografien im Sonderformat, beispielsweise in Lebensgröße.“
Jeanne R. Rehnig: „Fotografie für alle! Berliner Warenhausfotoateliers 1893 – 1933“, in: Fotografien vom Alltag – Fotografieren als Alltag, Irene Ziehe,Ulrich Hägele (Hg.), Lit Verlag, Münster 2004, S. 199-216, hier S. 202

Ein getreuer Untertan von Wilhelm II., der seinem offensichtlichem Vorbild, mit dem er ohnehin eine gewisse Ähnlichkeit hat, auch in der Barttracht folgt, hat hier das Angebot der A. Wertheim GmbH angenommen. Ganz der Staatsmann schaut er nicht in die Kamera sondern in eine unbestimmte Ferne, die sich später konkret als Elend im Schützengraben erweisen wird.
     

Dienstag, 2. Oktober 2012

1. Nachtrag zur Daguerreotypie von Joh. Richter: Vaters Vater Stoldt

Mettlacher Steinzeug, Entwurf 1844

Es kann hier von einem sehr erfreulichen ‚interdisziplinären‘ Forschungsergebnis berichten werden, das die Veröffentlichung der beiden Daguerreotypien von Joh. Richter auf der Internetseite von Jochen Voigt daguerreotype-gallery.de und in diesem Blog ausgelöst hat. Ein zentrales Motiv meines ersten Berichtes dort war die abgebildete Vase, die die Zuschreibung des Porträts von Großvater Stoldt an Joh. Richter erst möglich gemacht hatte.
Ein Helmut W., Sammler von Daguerreotypien, hatte eine Vermutung und benachrichtigte Horst Barbian, einen Freund und Kenner von Mettlacher Steinzeug. Der ging der Sache auf den Grund und hat erste Ergebnisse gerade im Mitteilungsblatt der Mettlacher Steinzeugsammler e.V. veröffentlicht ("Bitte recht freundlich! Mettlacher Steinzeug als Dekorationsobjekte in frühen Photographien um 1850", in: Mettlacher Turm, Nr. 108, September 2012, S. 10-11). Bei der Vase handelt es sich nach Barbian „um ein 1844, von Ludwig Foltz, für Villeroy & Boch entworfenes Modell, das in der späteren Steinzeugproduktion von Mettlach die Modellnummer 11 erhielt“. Barbian präsentiert auch gleich die Abbildung einer erhaltenen, direkt vergleichbaren Vase. Hier ist das florale Dekor zwar silbrig gefasst, aber die Form und die Reliefs scheinen identisch zu sein. Ein weiteres vergleichbares Stück, mit einem tanzenden Paar als zentralem Relief, wurde am 16. Mai 2010 in Amerika von der Four Seasons Auction Gallery, 4010 Nine McFarland Rd., Alpharetta, GA 30004, versteigert (Lot 11, Vilroy & Boch Mettlach German Cameo Vase, 1836-1855). Was ich auf der Grundlage der Daguerreotypie zunächst als „männliche Masken“ unterhalb der Henkel identifiziert hatte, sind in Wahrheit Darstellungen von bäuerlich gekleideten Männern, die auf ihren Schultern, wie Atlanten, mit gebeugtem Oberkörper scheinbar den unteren Henkelansatz tragen. In Gegensatz zu diesem architektonischen Motiv des Tragen und Lastens zeigen die zentralen Reliefs mit wehenden Gewändern tänzerische Leichtigkeit. Vielleicht spielt diese Opposition direkt auf die feste Form und den flüchtigen Inhalt einer Vase an.
Inspiriert von diesen zeitgenössischen, frühen fotografischen Dokumentationen von Keramik recherchierte Barbian weiter und konnte gleich eine Reihe weiterer Dekorationsobjekte in Daguerreotypien, insbesondere aus der Sammlung Hermann Krone in der TU Dresden als Mettlacher Steinzeug identifizieren. Verlängert man diese Ansätze in die Zukunft scheint mir hier ein sehr fruchtbarer Informationsaustausch zwischen Forschern zur Keramik und solchen zur Fotografie möglich, der in beiden Richtungen zu ganz neuen Erkenntnissen und Zuschreibungen führen wird.
Ich danke Ulrich Linnemann, der den Kontakt zu Horst Barbian vermittelte.